Der Ruf des Wolfes...

Das Heulen


Der wohl charakteristischste Laut des Wolfes ist das Heulen:

ein langezogener melodischer U-Laut, der durch Ausblasen von Luft bei nach vorne gezogenen Lippen und leicht geöffnetem Maul zustande kommt.
Eine Heulstrophe hält oft bis zu zwanzig Sekunden lang an. Nach neuem kurzem Einatmen kann eine weitere Stophe folgen, so daß das Heulen mehrere Minuten lang andauert. Manchmal heulen einzelne Wölfe sogar stundenlang. Dann sind die Pausen zwischen jeder Strophe in der Regel etwas länger.
Die einzelnen Wölfe eines Rudels haben zum Teil ein recht charakteristisches Heulen.
Für Wölfe ist das Heulen eines anderen Wolfes ein sehr starker Auslöser, selbst zu heulen, und so ergibt sich aus dem anfänglichen Heulen eines Wolfes oft bald ein Chorheulen des ganzen Rudels. Nicht immer aber zieht ein Einzelheulen das Heueln des Chors nach sich. Das anfängliche Heulen eines rangniedrigen Wolfes zum Beispiel ist seltener der Anlaß als das eines ranghohen. Offentsichtlich sind die Wölfe in der Lage, nicht nur individuelles Heulen zu unterscheiden, sondern dieses auch mit einem bestimmten Tier zu verbinden. Ebenso sind sie imstande, daß Heulen fremder Wölfe (oder Hunde) von dem der ihnen bekannten Wölfen zu unterscheiden.
Das Heulen der Welpen und der Jungwölfe liegt im Ton etwas höher als das von erwachsenen Tieren. Sie fangen im Rudel seltener selbst an zu heulen, reagieren aber auf das Heulen der Altwölfe sehr schnell.



Die Funktion des Heulens


Über die Funktion des Heulens ist viel Spekuliert worden, aber erst langsam erhalten Forscher brauchbare Daten, die eine objektive Beurteilung erlauben. Danach hat das Heulen mehrere Funktionen. Es wurde zum Beispiel festgestellt, daß voneinander getrennten Wölfe eines Gefangenschaftsrudels sehr viel häufiger heulten, als wenn sie zusammen im Gehege gehalten wurden. Spätere Versuche zeigten dann, daß hauptsächlich zurückgelassene ranghohe Wölfe heulten, und dies vor allem dann wenn entweder ihr Partner, andere ranghohe Wölfe oder aber Welpen aus dem Gehege entfernt wurden. Wurde umgekehrt ein ranghoher oder sogar der ranghöchste Wolf aus dem Gehege genommen, heulte das zurückgelassene Rudel eher und häufiger, als wenn ein rangniedrieger Wolf entfernt wurde.
Diese Beobachtungen und Versuche zeigen, daß die Wölfe mit Hilfe des Heulens bei einer Trennung Kontakt zu den anderen Rudelmitgliedern aufrechterhalten oder aufs neue suchen. Dabei fragt es sich, ob das Heulen mehr mitteilt als nur den eigenen Standort, verbunden mit der "Bitte" um Antwort über den Standort der anderen Rudelmitglieder. Dabei wurde auch festgestellt, daß die Wölfe auch unterschiedlich heulen, je nachdem, ob sie spontan einsetzten oder ob sie auf das Heulen eines Anderen reagieren.
Heutzutage ist man in der Lage, mit Hilfe des Heulens Wölfe in einem Gebiet zu orten und sogar zu zählen. Der Wolfsforscher Pimlott und seine Mitarbeiter heulten regelmäßig während der Sommermonate an bestimmten Stellen im Untersuchungsgebiet. Da die Welpen besonders gern darauf antworteten, wohl in der Erwartung die Älteren kämen mit Futter zurück, konnten sie so die jeweiligen Aufenthaltsorte der Welpen feststellen. Sie erfuhren außerdem die wahrscheinliche Anzahl der Welpen, und da manchmal auch die Älteren antworteten, überdies die Mindestzahl der erwachsenen Rudeltiere.
Welche Funktion hat nun diese allgemein freundliche Zusammenkunft mit anschließendem Chorheulen?
Es wurde beobachtet, daß es überwiegend abends vor dem Aufbruch zur Jagd stattfindet. Nicht beteiligt waren dabei alle unterdrückten, aus dem Rudel ausgestoßenen oder ausgeschiedene Wölfe.
Diese Beschränkung auf das engere Rudel läßt vermuten, daß es sich hier um eine Verhaltensweise handelt, die den Zusammenhalt des Rudels stärkt. Die Wölfe bestätigen sich sozusagen gegenseitig ihre freundliche, kooperative Stimmung. Der Zeitpunkt des Auftretens läßt weiter vermuten, daß diese Rudelzeremonie der Synchronisation, der Gleichschaltung der Aktivitätsphase dient. Auf diese Weise kommen die Wölfe nach dem Schlafen bald in eine ähnliche Stimmung, die einen gemeinsamen Aufbruch ermöglicht.
Es stellt sich auch herraus, daß die Wölfe in den Wintermonaten sehr viel häufiger heulen als im Sommer. Da das Rudel in jedem Winter auch enger zusammenhält als während der Sommermonate - ähnliche Beobachtungen liegen auch aus der freihen Wildbahn vor -, entspricht dies der rudelintegrierten Funktion des Heulens. Während es in den Sommermonaten immer ein Rudelmitglied war, fingen in den Wintermonaten - vor allem in der Ranzzeit (Paarungszeit) von Januar bis März - ganz bevorzugt jene Wölfe spontan an zu heulen, die nicht im Rudel integriert waren. Diese Einzelgänger standen dabei immer weit weg vom Rudel und richteten ihr Heulen auch nicht gegen dieses. Es scheint, daß der einsame Wolf auf diese Weise nach Gesellschaft, nach einem anderen Wolf in einer ähnlichen Situation sucht. Einzelwölfe reagieren dementsprechend auch nicht aggresiv gegen rudelfremde Wölfe, sondern sehr freundlich und versuchen, möglichst schnell einen Kontakt herzustellen.










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